Brot, mehr siehst du nicht. Deine Augen lügen nicht. Deine Zunge lügt nicht. Es schmeckt nach Brot, es bricht wie Brot, es wird hart und schimmelt wie Brot. Und trotzdem behaupten Katholiken, dass das kein Brot mehr ist. Es sei geworden, was es nicht war. Der Leib Christi. Ist dies aber wirklich so?
Ja. Die katholische Kirche lehrt es seit jeher. Christus ist in der Eucharistie wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig, mit Leib und Blut, Seele und Gottheit. Auf die Frage nach dem Wie antwortet sie mit der Transsubstantiation. Das Brot wird seinem ganzen Wesen nach in den Leib Christi verwandelt und nur die Gestalten von Brot und Wein bleiben. Und mit dem Bekenntnis zur Realpräsenz steht sie nicht allein. Die Ostkirchen bekennen dieselbe Gegenwart und belassen das Wie im Mysterium, und selbst die Lutheraner halten an der leiblichen Gegenwart fest. Sie nennen es sakramentale Union. Drei Schwergewichte an Traditionen, geschlossen, Schulter an Schulter. So bleibt eine Frage: Wer leugnet das denn genau?
Ulrich Zwingli
Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531), ein Theologe aus der Zeit Luthers, behauptete, dass die Eucharistie nur symbolisch sei. Er meinte, das »est« in »Hoc est corpus meum« würde nicht wörtlich »ist« heißen, sondern vielmehr »significat«, also »bedeutet«. Martin Luther gefiel das gar nicht, denn er, obwohl kein Fan der damaligen katholischen Kirche, gab ihr zumindest in puncto leiblicher Realpräsenz Christi recht. Johannes Calvin, eine Generation jünger, versuchte später, zwischen beiden Welten Brücken zu schlagen. Er war nicht der Ansicht, dass das Abendmahl nur symbolisch sei, verneinte aber, dass wir Christus leiblich empfangen. Er sah es als rein geistlichen Kommunionsempfang, der davon abhängt, ob man überhaupt glaubt.
Calvins Position fand allerdings im sich weiter zersplitternden protestantischen Spektrum kaum Nachfolger außerhalb der reformierten Tradition. Baptisten, Pfingstler und andere Evangelikale landeten bei derselben rein symbolischen Deutung, die schon Zwingli vertrat.
Was sagt aber die heilige Schrift dazu?
In der Bibel stehen uns zwei große Stellen zur Verfügung: Kapitel 6 des Johannesevangeliums, in dem Jesus von der Dringlichkeit und Leiblichkeit der Eucharistie redet, und die Einsetzungsberichte im NT. In der Brotrede sagt Jesus: »Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.«1
Wieso sollte Jesus so dringlich von diesen Dingen erzählen? Die Menschen, die ihm zuhören, wenden sich nach dieser Lehre sogar von ihm ab (V. 66), weil sie zu hart ist (V. 60). Natürlich ist es eine harte Lehre und man muss sich fragen, wieso. Jesus, der von sich selbst als Menschensohn redet, trägt uns auf, dass wir sein Fleisch essen sollen. Die naheliegendste Lesart, um diesen Textabschnitt zu verstehen, wäre zu sagen: Jesus möchte, dass wir ihn essen. Es ist also gar nicht verwunderlich, dass so manche protestantischen Theologen dazu neigen, diese Stelle mit einer symbolischen Lesart zu retten.
Denn selbstverständlich wäre es absurd, wenn Jesus gewollt hätte, dass die Menschen, die damals um ihn versammelt waren, ihn umbringen, um ihn dann zu essen. Die Tatsache, dass das nur ein einmaliges Ereignis hätte sein können und damit seine frohe Botschaft ein schnelles Ende gefunden hätte, führt diesen Gedanken endgültig ad absurdum.
Wir müssen aber festhalten, dass Jesus sehr dringlich von dieser Lehre spricht. Er sagt: »Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.« Das ist eine direkte Bedingung. Jeder, der Jesus nachfolgen möchte, soll sein Fleisch essen und sein Blut trinken. In Vers 55 sagt Jesus: »Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.«
Wie können wir aber das Fleisch des Menschensohnes essen? Es ist sicher nicht nur rein geistliche Speise oder ein Gleichnis für eine komplizierte Lehre. Es steht in direkter Verbindung mit der Einsetzung des Abendmahls am Gründonnerstag. So heißt es im Matthäusevangelium: »Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sagte: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.«2

Auch Paulus gibt die Einsetzung weiter, und zwar ausdrücklich als etwas, das er selbst empfangen hat: »Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!«3
Hold on, Papist!
Ein Gegner der katholischen Lehre könnte einwenden, Johannes 6 sage etwas anderes, das der Realpräsenz Christi widerspricht. So heißt es in Vers 63: »Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.«
Das Fleisch nützt also nichts? Ergibt das angesichts dessen, was Jesus zuvor gesagt hat, wirklich Sinn? Sein Fleisch muss etwas nützen. Schließlich sagt er: »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag«. Das ist eine direkte Verheißung. Wie ist diese Stelle also zu verstehen? Jesus spricht hier vom fleischlich-weltlichen Denken, das auch Paulus thematisiert.4
Das geht sogar direkt aus Johannes 6 hervor. Man lese Vers 63 nochmal ganz genau. Jesus sagt »das Fleisch nützt nichts« und eben nicht »mein Fleisch nützt nichts«. Wenige Verse vorher redet er dagegen ununterbrochen von »meinem Fleisch«, das ewiges Leben gibt.5 Hätte er in Vers 63 plötzlich sein eigenes Fleisch gemeint, würde er sich selbst widersprechen. Dasselbe Fleisch, das eben noch ewiges Leben schenkt, wäre auf einmal nutzlos. Genau deshalb steht hier »das Fleisch«: gemeint ist also nicht der Leib Christi.
Und dann ist da noch Paulus
Derselbe Paulus, den wir zuvor kurz gelesen haben, spricht nämlich auch ganz direkt von der Eucharistie. Insbesondere eben im 1. Korintherbrief: »Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?«6
Das Wort für »Teilhabe« ist im Griechischen κοινωνία (koinonia), das bedeutet echte Gemeinschaft, also ein realer Anteil an einer Sache. Es ist nicht bloß ein frommer Gedanke daran. Und das Spannende: Paulus greift wenige Verse später auf dieselbe Wortwurzel zurück. Er sagt, dass jemand, der Götzenopferfleisch isst, koinonia mit den Dämonen hat (V. 20), und stellt beide Tische unvereinbar gegeneinander: »Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen. Ihr könnt nicht teilhaben am Tisch des Herrn und am Tisch der Dämonen.«7
Das ergibt nur Sinn, wenn das Essen real verbindet. Wäre das Brot bloß ein Symbol, dann wäre auch das Götzenopfer harmlos und die Warnung von Paulus wäre nichts weiter als Unsinn.
Ein Kapitel später wird er noch deutlicher: »Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt. Deswegen sind unter euch viele schwach und krank und nicht wenige sind schon entschlafen.«8
Paulus schreibt hier von Menschen, die die Eucharistie unwürdig empfangen haben und deswegen jetzt schwach und krank sind, manche sind daran sogar schon gestorben. Der Empfang der Eucharistie hat also eine reale Wirkung auf den eigenen Körper. Ein bloßes Symbol hätte das nicht.
Nun, es gibt also Konfessionen, die das anders sehen. Oft hängt die Antwort am Ende weniger am Text selbst als an den Vorannahmen, mit denen man ihn liest. Woher weiß ich also, ob meine Exegese die richtige ist?
Durch die Kirchenväter
Die Kirchenväter geben uns ein bemerkenswert einheitliches Zeugnis. Noch bevor die Trinität definiert wurde, gab es zwei Dinge, die den frühen Christen besonders wichtig waren: Taufe und die Eucharistiefeier.
Der Überlieferung nach war Ignatius von Antiochien ein Schüler des Jüngers Johannes. Um 110, auf dem Weg zu seiner Hinrichtung in Rom, schreibt er über die Doketisten: »Von der Eucharistie und dem Gebete halten sie sich ferne, weil sie nicht bekennen, dass die Eucharistie das Fleisch unseres Erlösers Jesus Christus ist, das für unsere Sünden gelitten hat und das der Vater in seiner Güte auferweckt hat.«9 Das Argument setzt die Identifikation von Eucharistie und Fleisch Christi bereits voraus: Sie ist der Grund, warum die Doketisten fernbleiben, nicht eine Neuerung des Ignatius.
Eine Generation später, um 150, erklärt Justin der Märtyrer in seiner an Kaiser Antoninus Pius gerichteten Apologie einem heidnischen Publikum, was in der Feier geschieht: »Diese Nahrung heißt bei uns Eucharistie. […] Nicht als gemeines Brot und als gemeinen Trank nehmen wir sie; sondern wie Jesus Christus, unser Erlöser, als er durch Gottes Logos Fleisch wurde, Fleisch und Blut um unseres Heiles willen angenommen hat, so sind wir belehrt worden, dass die durch ein Gebet um den Logos, der von ihm ausgeht, unter Danksagung geweihte Nahrung, mit der unser Fleisch und Blut durch Umwandlung genährt wird, Fleisch und Blut jenes fleischgewordenen Jesus sei.«10 Justin argumentiert von der Menschwerdung her, und er sagt ausdrücklich, dass er das nicht selbst ersonnen, sondern so gelernt hat.
Irenäus von Lyon zieht um 180 die Linie weiter zur Auferstehung des Leibes: »Wie das von der Erde stammende Brot, wenn es die Anrufung Gottes empfängt, nicht mehr gewöhnliches Brot ist, sondern die Eucharistie, die aus zwei Elementen, einem irdischen und einem himmlischen besteht, so gehören auch unsere Körper, wenn sie die Eucharistie empfangen, nicht mehr der Verweslichkeit an, sondern haben die Hoffnung auf Auferstehung.«11
Cyrill von Jerusalem setzt um 350 in seinen Katechesen für die Neugetauften genau dort an, wo die Sinne widersprechen: »Betrachte daher Brot und Wein nicht als rein irdische Dinge! Denn nach der Versicherung des Herrn sind sie Leib und Blut Christi. Wenn dich auch die Sinne hier im Stiche lassen: der Glaube möge dir Festigkeit geben!«12
Ambrosius von Mailand fragt um 380 nach dem Wie und antwortet mit der Schöpfung: »Das Wort Christi, welches das Nichtseiende aus dem Nichts zu schaffen vermochte, soll Seiendes nicht in etwas verwandeln können, was es vorher nicht war? Nichts Geringeres ist es, neue Dinge zu setzen, als Naturen zu verwandeln. […] Vor den himmlischen Segensworten heißt die Wesenheit anders, nach der Konsekration wird sie als ›Leib‹ bezeichnet.«13
Fazit
Was können wir also feststellen? Die heilige Schrift und die Tradition der Kirche sind sich einig. Wem vertraust du also? Der einheitlichen Lehre und Praxis der Kirche über fünfzehn Jahrhunderte hinweg oder einer neuen Bibelexegese eines Mannes aus der Reformationszeit? Wie genau Christus gegenwärtig ist und was es mit dem Messopfer auf sich hat, sind eigene Fragen für eigene Artikel; die katholische Kirche hat beides auf dem Konzil von Trient verbindlich beantwortet.14 Hier geht es allein darum, dass er gegenwärtig ist.
Aber das ist nicht die eigentliche Frage. Die eigentliche Frage ist: Vertraust du dem, was du siehst, oder dem, was Jesus gesagt hat? Deine Augen sagen Brot. Sie haben recht und sie lügen, beides zugleich. Cyrill wusste das. Die Sinne lassen dich genau hier im Stich. Sie sind gute Diener und schlechte Richter. Und es ist eigentlich ziemlich einfach, an Brot zu glauben. Brot verlangt nichts von dir. Der Leib Christi schon.
↑Joh 6,53-56 (Einheitsübersetzung 2016).
↑Mt 26,26-28 (Einheitsübersetzung 2016).
↑1 Kor 11,23-25 (Einheitsübersetzung 2016).
↑Vgl. Röm 8,6-9 (Einheitsübersetzung 2016).
↑Joh 6,51.54.55.56 (Einheitsübersetzung 2016).
↑1 Kor 10,16 (Einheitsübersetzung 2016).
↑1 Kor 10,21 (Einheitsübersetzung 2016).
↑1 Kor 11,27-30 (Einheitsübersetzung 2016).
↑Ignatius von Antiochien, Ad Smyrnaeos 7,1. Übersetzung: Franz Zeller (BKV, 1918).
↑Justin der Märtyrer, Apologia I 66. Übersetzung: Gerhard Rauschen (BKV, 1913); Orthographie angepasst.
↑Irenäus von Lyon, Adversus haereses IV,18,5. Übersetzung: Ernst Klebba (BKV, 1912).
↑Cyrill von Jerusalem, Catecheses mystagogicae IV,6. Übersetzung: Philipp Haeuser (BKV, 1922).
↑Ambrosius von Mailand, De mysteriis 9,52.54. Übersetzung: Johannes Niederhuber (BKV, 1917).
↑Konzil von Trient, 13. Sitzung (1551): Dekret über das allerheiligste Sakrament der Eucharistie; 22. Sitzung (1562): Lehre über das heilige Messopfer.